Stammheimer Todesnacht: Interview mit Gottfried Ensslin

Aus dem Gefangenen Info:

Antrag auf ein neues Verfahren wegen der Stammheimer Todesnacht 18.10.1977

(Interview mit Gottfried Ensslin)

Warum befürwortest Du eine Neuaufnahme?

Antrag auf „Neuaufnahme“ oder „Wiederaufnahme“ des Todesermittlungsverfahrens, das klingt ja alles nach juristischer Haarspalterei, aber es gibt einen Unterschied, der auch einen Teil Deiner Frage schon beantwortet.
Ein Antrag auf „Wiederaufnahme“ bezöge sich als Kritik ausschließlich auf das Material der damaligen amtlichen Untersuchungen und deren Schlussfolgerungen, die ja auch den seinerzeit gültigen Wissenschaftsstandard widerspiegeln.

Die Hürden für eine „Wiederaufnahme“ sind sehr hoch. Das haben Charlotte Raspe, die Mutter von Jan-Carl, Andreas‘ Mutter Anneliese und meine Schwester Christiane erfahren müssen, als sie bald nach 1977 solche Anträge gestellt haben, die alle abgelehnt wurden.
In deren Tradition sehe ich mich, aber Helge Lehmanns und mein Antrag auf „Neuaufnahme“ gründet sich im Unterschied dazu vor allem auf neue Zeugenaussagen und Dokumente, auf neue wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse und auf jederzeit überprüfbare Ergebnisse von Eigenexperimenten.
Mit dieser Aufzählung wird schon deutlich, dass es uns nicht um Spekulationen.und Glaubensfragen geht, sondern dass wir uns ganz eng an nachweisliche Fakten halten.
Seit jeher hat mich wütend gemacht, dass die amtliche Version vom Selbstmord der Stammheimer Gefangenen immer weiter festgeschrieben wurde, obwohl die Widersprüche, Falschschlüsse und Gegenindizien ja zum Himmel stinken. Aber ich hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass die öffentliche Resonanz für diese Zweifel immer dünner wurde.
Deshalb war es eine sehr positive Überraschung, dass letztes Jahr Helge Lehmanns jahrelangen Recherchen als Buch herauskamen, in dem er die amtliche Version akribisch unter die Lupe nimmt und alle Zweifel an ihr mit Fakten unterfüttert. Nach der Lektüre dieses Buches war ich bereit, mit ihm in die Öffentlichkeit zu gehen, damit seine Arbeit auch wirklich einen Umschwung in Bewegung setzt.

Wie und durch wen ist die Neuaufnahme zu Stande gekommen?

Das war Helge Lehmanns Idee. Er kommt ja aus der eher unpolitischen Mitte der Gesellschaft und hat sich dann durch seine Recherchen zu Stammheim einen kritischen Blick erarbeitet. Ich habe zuerst gezögert, mit ihm gemeinsam diesen Antrag auf Neuaufnahme des Todesermittlungsverfahrens zu stellen, weil ich bestimmte Erfahrungen mit Staat und Justiz in diesem Land gemacht habe.
Was die Todesumstände von Ulrike Meinhof angeht, war es ja erst eine internationale Untersuchungskommission, die alle Indizien genauer untersuchte und zu dem Ergebnis kam, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit tot in die Schlinge kam.
Auch die Dreistigkeit, mit der die öffentliche Hinrichtung von Wolfgang Grams in Bad Kleinen trotz eindeutiger Zeugenaussagen als Selbstmord ausgegeben wurde, spricht nicht dafür, dass man Vertrauen in die deutsche Justiz setzen sollte.
Trotzdem habe ich Helge Lehmann unterstützt, weil wir durch die Öffentlichkeit unseres gemeinsamen Vorgehens sicherstellen, dass dieser Antrag keine Privatangelegenheit bleibt.

An welchen Punkten machst Du das genau fest, dass die staatliche Selbstmordversion so nicht stimmen kann ?

In der Einstellungsverfügung des Todesermittlungsverfahrens steht ausdrücklich, dass sich die vier Stammheimer RAF-Gefangenen über eine selbst installierte Kommunikationsanlage auf einen gemeinsamen Selbstmord verständigt haben sollen. In Lehmanns Buch „Die Todesnacht in Stammheim“ wird durch nachgestellten technischen Aufbau bewiesen, dass es eine solche Anlage nicht gegeben haben kann. Die elektrischen Leitungen von und zu den in dieser Nacht belegten Zellen, die beschriebenen technischen Apparate lassen einen solchen Schaltkreis nicht zu.
Ein weiterer Punkt ist die von vielen gestellte Frage, wie Pistolen in das angeblich sicherste Gefängnis der BRD geschmuggelt worden sein sollen. Nach Aussagen des staatlichen Kronzeugen Volker Speitel sollen Hohlräume in Prozessaktenordner geschnitten worden sein, in denen die Waffen im hoch gesicherten Stammheimer Prozessgebäude zu den Gefangenen gelangt seien.
Lehmann untersuchte alle beschriebenen Kontrollabläufe in dieser Mehrzweckhalle in allen Einzelheiten. Er schnitt im Eigenversuch vergleichbare Akten aus, legte Spielzeugpistolen hinein und stellte dabei fest, dass diese in keinem Fall diese scharfen Kontrollen passiert haben können.
Bei Andreas kommt ein ballistisches Gutachten des BKA zu dem Ergebnis, dass der Schuß in den Nacken aus 30-40 cm Abstand erfolgt sein muß. Mit einem solchen Abstand hätte er den Schuß nicht selbst abfeuern können, aber ein Schalldämpferaufsatz könnte die Erklärung dafür sein, der allerdings nicht in der Zelle gefunden wurde. Dazu würde auch passen, dass in dieser Nacht niemand Schußgeräusche hörte.
Bei meiner Schwester Gudrun wurde es wie bei Ulrike Meinhof unterlassen, den obligatorischen Histamintest zu machen. Dieser kann chemisch feststellen, ob jemand lebend oder tot in die Schlinge kommt. Es gibt Widersprüche zwischen dem Gutachten des Neuropathologen, das von einem schnellen Todeseintritt spricht, und dem amtlichen Befund eines längeren Todeskampfes.
Auf dem vor ihr stehenden Stuhl wurden Auflagerungen festgestellt, die aber bis heute nicht analysiert wurden. Das Gleiche gilt für mögliche Fingerabdrücke auf diesem Stuhl. Zudem riß das doppelte Kabel entzwei, als ihr Körper abgehängt wurde.

Helge Lehmann wurde vor kurzem ein Vernehmungsprotokoll des Beamten Hans Springer zugespielt, der 1977 im siebten Stock tätig war. Was gab es da an neuen Aspekten?

Das ist wirklich eine heiße Geschichte. Dieser Hans Springer war der einzige Aufsichtsbeamte am Morgen des 18.10.1977 in der III. Abteilung des 7. Stocks, wo die Stammheimer untergebracht waren. In diesem Vernehmungsprotokoll, das ich für echt halte, gibt er an, um 0.30 Uhr von der Torwache telefonisch angewiesen worden zu sein, in einer anderen Abteilung auszuhelfen.
Für Ersatz würde gesorgt. Das heißt im Klartext: zwischen 0.30 und 3.30 Uhr waren in der Todesnacht da oben im 7. Stock keine Aufsicht oder eben bis jetzt unbekannte Personen anwesend. Nebenbei sei erwähnt, dass eine unbewachte Feuertreppe direkt in den 7. Stock führt.
Angeblich kann weder das Kanzleramt noch das Bundesjustizministerium das Original dieses Vernehmungsprotokolls in ihren Akten finden. Obwohl bisher niemand behauptet, die Helge Lehmann zugespielte Kopie sei eine Fälschung, bemühen wir uns, die Echtheit auf die eine oder andere Weise feststellen zu lassen.

Wie geht es weiter ?

Wir müssen jetzt auf den Bescheid der Staatsanwaltschaft Stuttgart warten. Je nachdem wie dieser ausfällt, werden wir überlegen, wie wir weiter vorgehen. Auf unserer Pressekonferenz habe ich ja gesagt, dass es vielleicht Einzelpersonen in der jüngeren Generation von Juristen im Staatsdienst gibt, die bereit sind, staatliche Vorgänge kritisch zu untersuchen.
In manchen Kommentaren zu unserer Initiative klang an, diese sei wohl die letzte Chance, um die Stammheimer Todesnacht aufzuklären.
Das sehe ich überhaupt nicht so. Selbst wenn aus dem Bescheid der Staatsanwaltschaft erkenntlich werden sollte, dass er ganz auf der Linie der früheren Bescheide liegt, bleiben die von uns zusammengetragenen Widersprüche doch bestehen.

Muss es neben Eurer wichtigen juristischen Initiative nicht auch weiteren Druck geben ?

Der ist natürlich wichtig und sehr wünschenswert. Ulla Jelpke von der „Linken“ war ja mit uns zusammen auf der Pressekonferenz und hat uns unterstützt. Auch Hans Christian Ströbele hat uns mitgeteilt, dass er unsere Initiative positiv sieht. Zudem rufen Leute bei uns an, die uns wichtige Hinweise und Informationen zu Einzelaspekten unseres Antrags geben.
Sehr willkommen wäre uns noch eine verstärkte Resonanz aus dem Ausland. Rückblickend war es nämlich gerade diese ausländische Kritik, die überhaupt etwas bei den unmenschlichen Haftbedingungen ändern konnte, denen die RAF-Gefangenen ausgesetzt waren.
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